Listening Cinema – Rauschzustand

Klangkunst und Ambientmusik fürs Kino – der Ton steht im Vordergrund. Das von mir entwickelte Hörformat fürs Kino wurde am 16. Juli 2026 von Studierenden des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Bielefeld im Filmkunstkino Kamera in Bielefeld uraufgeführt.

Listening Cinema – Rauschzustand
Klangkunst und Ambient

Seminarbeschreibung und Ankündigungstext:
Rauschen begleitet uns durch unser ganzes Leben. Erste Rauscherfahrungen machen wir kopfüber unter Wasser in völliger Dunkelheit. Nach der Geburt begegnen wir Brummen, Donnern, Bersten, Prasseln, Summen, Zischen, Surren, Knistern, Rasseln und Schluchzen in einer Welt, in der es keine absolute Stille gibt. Rauschen kann Lärm sein, diese, wie Schopenhauer einst sagte, sei „die impertinenteste aller Unterbrechungen, da Lärm sogar unsere eigenen Gedanken unterbricht, ja, zerbricht.”

Rauschen kann auch zerbrechlich sein und uns daran erinnern, dass uns ein kosmisches Chaos umgibt und durchdringt, das nicht von uns geordnet, wohl aber wahrgenommen werden kann. Denn der Kosmos ist hier. Oft stört uns Rauschen, denn es trägt keine ästhetische Information außer Informationen über die Informationsträger selbst. Wenn wir erstmal sensibilisiert sind für das Rauschen, dann begegnet es uns überall. Rauschzeichen, Rauschquellen, Grundrauschen, Nachrauschen, Hören im Dunklen, Rauschkulissen, Rauschzustand. Ein Gewitter zieht heran. Donnergrollen in der Ferne, Windstöße in den Zweigen. Ist es jetzt da, das Rauschen? Wenn ja, dann klingt es für uns wie Musik.

Auf der Leinwand begleiten abstrakte, audioreaktiv generierte Bilder die Klänge – Bild folgt Ton: Klangkunst, Soundscapes, Geräusche und Ambient Musik, die aus dem Rauschen generiert wurde. Man kann auch einfach im Kino die Augen schließen und zuhören.

„Was Stille und Lärm gemeinsam haben, das ist der Zustand der Absichtslosigkeit, und dieser Zustand ist es, der mich interessiert.”
John Cage

Kampf der Bienen
Marcus Wildelau

Statt einen fruchtlosen Kampf gegen Pestizide und invasive Asiatische Hornissen zu wagen, „wollen sie in ihrer Klugheit die Zukunft retten.”
*
*frei nach Maurice Maeterlinck

Bienen stehen im sog. Anthropozän vor existentiellen Herausforderungen. Seut Jahrhunderten gehen Landschaft und Natur ineinander über, existieren parallel. In der Landschaft entstehen Gegenden im Wechselspiel von Gesellschaft und Natur. Ursprünglich bedeutete cultura „Ackerbau”. Heute bedeutet Kultur die Pflege des Geistigen, die Summe von Errungenschaften einer Gesellschaft, die Kunst, Sprache und Kulturtechniken regional und national auf bestimmte Weisen ausprägt, entwickelt und lebendig hält. Die konventionelle, industrielle Landwirtschaft, die sich gern ein grünes und naturnahes Image gibt, ist die Voraussetzung für die Entstehung von naturunabhängiger Existenz der Menschen. Kultur und Natur sind hier kaum vereinbar. Die konventionelle Landwirtschaft offenbart insofern einen problematischen Umgang mit der Welt, als das sie zulässt, dass zerstörerische landwirtschaftliche Produktionsmethoden weitgehend als naturnahe Praktiken akzeptiert werden, etwa der Einsatz von Pestiziden und sog. Pflanzenschutzmitteln, weil Nahrungsmittelerzeugung naturnah gesehen wird.

Der jahrzehntelange Einsatz von Bioziden in der industriellen Landwirtschaft – jedes Pestizid, Fungizid oder Insektizid ist ein Biozid – auf landwirtschaftlichen Produktionsflächen, die meist direkt an Naturreservate grenzen, macht hierbei den Bienen den Garaus. Insektizide sind als Kontakt- und Fraßgifte wirksam. Ihre Namen lesen sich wie Automarken, die Dynamik und Effizienz versprechen: Admire, Advantage, Goucho, Merit, Premise, Touchstone, Cruiser, Platinum. Bei ihren Orientierungsflügen merken sich die Bienen ihre Routen zu Nahrungsquellen, bevor sie sie in ihrer spezifischen Sprache an ihre Artgenossen weitergeben. Nahrung zu finden und den Weg dahin beschreiben zu können ist eine Gedächtnisleistung der Bienen. Neonicotinoide aus den Insektiziden stören im Gehirn der Bienen die Prozesse, die Wahrnehmen, Lernen, Erinnern, Orientieren, Navigieren und Kommunizieren ermöglichen. Die Folge des Pestizideinsatzes ist, dass einzelne Bienen degenerieren, krank werden oder sterben und dass der Superorganismus des Bienenvolkes geschädigt wird. Es werden weniger Blüten von Obstbäumen bestäubt, weniger Honig hergestellt, es kommt zu Verlust von Artenvielfalt. Bienen werden außerdem von der invasiven Art der Asiatischen Hornisse bedroht. Die Asiatische Hornisse ist in Mitteleuropa nicht heimisch. Sie betrachtet Honig- und Wildbienen als Proteinquelle und macht Jagd auf sie.

In meiner Arbeit bearbeite ich Tonaufnahmen von schwärmenden Bienen mit Filtern. Sukzessive werden die Tonaufnahmen degeneriert. Sie büßen an Umfang, Datentiefe und Diversität ein, indem Filter das Frequenzspektrum einschränken, dem Signal Rauschen zufügen und Bits entnehmen sowie das Signal samplen und wiederholen, womit eine Degeneration des Genpools und der Biodiversität hörbar gemacht werden soll. Die Signale der Tonaufnahmen, die hörbaren Spuren der Bienen, werden bis zum völligen Signalabriss deformiert und degeneriert. Die starke Zunahme von tiefen Frequenzen und die Verzerrungen des natürlichen Spektrums sind Versuche, die Einschränkungen des Orientierungssinnes der Bienen, die mit Insektiziden in Kontakt gekommen sind, auf eine Weise hörbar zu machen, die wir nicht sofort mit relativ kleinen und durchaus wehrhaften Insekten in Verbindung bringen. Die Heimkehr der stark geschädigten Bienen wird zum Drama und zu einem existenziellen Moment. Das können wir außerhalb der Klangkunst nicht hören.

Diese Abeit versteht sich als eine moralische, ermahnende Arbeit im Sinne des Serva Modum, eines Aufrufes, der uns zum Maßhalten ermahnt. Kritisch betrachtet wird hier der zerstörerische und einseitige Umgang mit anderen Lebewesen, die von unserer Kultur vernichtet werden, weil ihnen kein Recht auf Leben vor dem Profit der HerstellerInnen und NutzerInnen der Pestizide eingeräumt wird.

Urbanes Leuchten
Marcus Wildelau

Das Geräusch von an- und ausgehenden Leuchtstofflampen – konzertant und alltäglich zugleich - erzählt davon, wie künstliches Licht uns von der Natur entkoppelt und ein Rauschen namens „Skyglow” erschafft. Die uns bekannten Geräusche eines Starters in einer Leuchtstoffröhre und das gläserne Klimpern erzeugen einerseits ein Gefühl der Vertrautheit und Geborgenheit in der Zivilisation und andererseits zeigen sie die Künstlichkeit unserer von circadianen Rhythmen der natürlichen Aktivität entkoppelten Gewohnheiten, die Nächte zu Tagen machen. Es werde Licht – wir spielen jeden Tag ein bisschen Gott, wenn wir uns über die Natur als Taktgeberin für Wachsein und Schlaf hinwegsetzen und unser Leben und unsere Körper in der Zivilisation unabhängig machen von elementaren, natürlichen, repititiven Mustern, mit denen unsere Spezies seit hunderttausenden von Jahren korrelierte. Dunkelheit wird seltener, der Skyglow emittiert Licht und verschmutzt die Schwärze der Nacht. Die so entstehende Corona über Städten und Ballungsgebieten wird von uns allen gespeist.

Plakat und Beitragsbild: Jan Lucas Baumann